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Re: Im Westen nix Neues

Geschrieben von: Herbert Nickel
Datum: 30.Januar 2021, 17:09 Uhr

Antwort auf: Im Westen nix Neues (Armin Dahl)

Liebe Kollegen,

ich bin gegen diese Gifte in der Landschaft und schaffe es innerhalb meines eigenen Konsumverhaltens wahrscheinlich, dass die entsprechenden Firmen an mir da wirklich Null verdienen. ABER ich bin fest davon überzeugt, dass das Verbot - wenn überhaupt - allenfalls wenige Insekten zurück in unsere Landschaft bringen wird. Denn da, wo diese Gifte ausgebracht werden und wirken, nämlich auf den konventionell bewirtschafteten Feldern, sind sowieso (fast) keine Insekten mehr da. Der Nachweis, dass Neonicotinoide eine Fernwirkung in abgelegenen Schutzgebieten haben, steht aus und wird auch kaum zu erbringen sein. Aber natürlich sterben die meisten Insekten, wenn ich sie im Labor direkt dem Gift aussetze. Das Labor ist aber nicht das Freiland.

Stattdessen sehe ich in unserr Landschaft überall riesige Maschinen und in unseren Schutzgebieten überall ungeeignete Pflegemaßnahmen, die gerade für die Insekten oft fatal sind. Eine Orchideenpflegemahd nach dem Fruchten im Juli ist für die allermeisten Insekten der Super-GAU, ebenso ein Kahlfraß durch eine 400-Kopf-starke Schafherde. Auch außerhalb des Hochsommers sind solche Maßnahmen, bei denen auf einen Schlag die komplette oberirdische Vegetation entfernt wird, schlecht, denn es werden die Bodenoberfläche planiert und Strukturen und Eigelege entfernt.

Ich untersuche diese Effekte seit Jahren in Schutzgebieten fernab von jeglichen Giftapplikationsflächen und finde dramatische Unterschiede in Flächen DIREKT nebeneinander, wenn die eine gemäht wurde und die andere beweidet (aber nicht so wie oben beschrieben).

Die "traditionelle" Beweidung in praktisch ganz Mitteleuropa und weit darüber hinaus ist nicht mit Schafen, sondern mit Rindern passiert, dafür gibt es endlos viele Quellen, nur wurde das Rind halt im 19. Jahrhundert weitgehend eingestallt und das Schaf ist in der Landschaft verblieben und erscheint uns daher als "traditionell". Allerdings waren die Herden früher nur 100 Kopf stark und wurden nicht gekoppelt. Das Rind war das WICHTIGSTE in der vorindustriellen Agrarwirtschaft überhaupt, allein schon weil es den Pflug zog. Deswegen hatten die meisten Dörfer eine große Herde, die tagsüber vom Dorfhirten auf die Weide getrieben wurde und die dort die Biodiversität herbeigefressen hat. Kann jeder in seiner Dorfchronik aus dem 18. und manchmal auch 19. Jahrhundert nachlesen

Wer möchte, kann dazu meinen Vortrag auf Youtube anschauen, einfach meinen Namen eingeben. Warum schreibe ich das alles hier? Weil ich der Auffassung bin, dass wir Entomologen gerade nicht den Hauptfeind angreifen. Ich bin zwar froh, wenn die Neonics weg sind, aber würde mich freuen, wenn man sich dann gemeinsam gegen den nächsten Feind stellen würde, nämlich die Maschinen und die übergroßen Schafherden, die unser Tafelsilber der Biodiversität (übrigens auch floristisch) auslöschen.

Einen schönen Nachmittag noch ....
Herbert

> Clas,
> Du glaubst doch nicht etwa dass es hier um schlüssige Argumentation
> geht? Kein Gedanke!
> Sowas nennt Hintertreppenpolitik, definitionsgemäß "ränkevolle
> Politik ohne Weitblick". Diese Tricksereien kennen wir doch
> schon aus vielen anderen Themenfeldern. Glyphosat, Braunkohle,
> Windkraftförderung, um nur ein paar zu nennen. Immer vorne hui und
> hinten pfui.
> Viele Grüße
> Armin

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