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Einige Gedanke zum Barcoding

Geschrieben von: Hartmuth W.
Datum: 27.Februar 2013, 15:44 Uhr


Hallo liebes Forum,

nachdem ich mich nach einiger Zeit mal wieder hierher verirrt habe, ist mir aufgefallen das meine Anfrage zum Barcoding vom letzten Jahr doch noch einmal Fahrt aufgenommen hat. Mit Interesse habe ich als passiver Teilnehmer die Diskussion verfolgt wie wahrscheinlich auch andere hier.
Das Barcoding ist sicherlich die Zukunft und lässt sich nicht wegdiskutieren oder ignorieren.
Wenn ich mir nun aber mal die Zukunft ausmale, wie dann das Arbeiten vieler auch hier im Forum Aktiver aussehen wird, damit kann ich mich einfach nicht mehr identifizieren. Nur noch eine elitäre Minderheit wird dann noch Zugang zu der nötigen Infrastruktur haben und in Neonlicht durchfluteten Laboren an Hand von irgendwelchen p-Distanzen darüber entscheiden was ein Art ist oder nicht. Die Freilandarbeit wird dann von großen Staubsaugern übernommen, die alles einsaugen und per Massentest erfassen. Das hat für mich den Charme des Bezahlens an einer Supermarktkasse.
Und der Weg zu, ich nenne sie mal Genarten, ist auch nicht mehr weit. Es wird zum Beispiel bei einer Massensequenzierung von Käfern im Zuge eines Biodiversitätprojektes im afrikinischem Dschungel festgestellt, es befinden sich genetisch betrachtet neue Arten in den Proben. Es gibt aber leider keinen Experten der in der Lage ist diese Arten auch noch zusätzlich konventionell zu bearbeiten.
Natürlich werden dann Genarten beschrieben. Die Infrasturktur ist da, es wurde viel Geld in das Projekt gesteckt, die Wissenschafter müssen liefern und werden dann mit Sicherheit auch diese Arten nur auf Grundlage der genetischen Information beschreiben. Es hängen ja ihre Arbeitsplätze an solchen Projekten.
Und würde man diese Arten nicht allein auf Grund ihrer genetischen Information beschreiben, hätte man einem riesigen Datenfriedhof geschaffen, da man ja weiss, es sind potenziell neue Arten gefunden worden, man kann sie aber leider nicht beschreiben. Wie soll man dann in Zukunft solche Projekte noch rechtfertigen wenn keine Ergebnisse vorzuweisen sind? Dann werden aber ganz schnell die Bedenken über Bord geworfen, die gegen ein solches Vorgehen sprechen.
Daher ist für die Zukunft ein rein genetischer Artbegriff schon determiniert.
Und seinen wir auch mal ehrlich, wer schert sich in Zukunft noch um die Experten, nachdem diese gemolken wurden und ihr Wissen preisgegeben haben. So lange Projektmittel vorhanden sind und Experten sich als nützlich erweisen, werden diese auch Zugang zu der Infrastruktur haben und günstig die Hilfe der Institutionen in Anspruch nehmen können. Aber was ist wenn die Projekte abgeschlossen sind, alle Arten erfasst sind und der finanzielle backround nicht mehr vorhanden ist? Dann werden sich die Pforten der Labore schneller schließen als wir Biodiversität sagen können. Erst wurde ihnen Honig ums Maul geschmiert, da man ja auf das Wissen und die freiwillige Mitarbeit angewiesen ist, dann werden sie fallengelassen wie eine heiße Kartoffel.
Die Experten von heute sind dann die Trottel von morgen die dann auf die Labore auf dem freien Markt ausweichen müssen, wenn sie weiterhin ihrer Privatforschung nachgehen wollen. Und diese Labore wollen verdienen…

Ich will die Nützlichkeit des Barcoding-Projekts nicht in Abrede stellen und halte das ganze auch für einigermaßen sinnvoll. Nur kann und werde ich mich nicht damit identifizieren und denke ernsthaft darüber nach, mich aus allen meinen bisherigen Projekten zurückzuziehen. Ich möchte nicht als Kartierer und Taxonom die Grundlagen für diese Entwicklung liefern. Auch wird es mir zukünftig unmöglich sein mich weiter intensiv in der Umweltbildung zu engagieren, auch wenn es nötiger wäre den je. Denn dem Nachwuchs würde eine Form der Auseinandersetzung mit der Umwelt bevorstehen, die sicherlich auch ihre Daseinsberechtigung hat, aber ich nicht für richtig halte.
Das Erforschen und Erfassen der uns umgebenen Natur hat für mich mehr einen ganzheitlichen Charakter und sollte nicht auf diesen genetischem Reduktionismus aufgebaut werden, auf den wir hier zusteuern.
Ich weiss, ich kann diesen Prozess nicht aufhalten und ich will es auch nicht, aber diese Entwicklung ist nicht das für das ich mal an den Start gegangen bin.

Viele Grüße

Hartmuth

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